„Der 8-jährige Dominik spricht wie ein Erwachsener.“ So beschreibt ihn Astrid Schult in ihrer Dokumentation. Er übernimmt Aufgaben, die eigentlich Erwachsenen zukommen. Er versorgt seine dreijährige Schwester, bringt seine Geschwister abends ins Bett und ist für seine Mutter da, wenn sie nach Hause kommt. Dominik ist damit nicht allein. Viele Kinder übernehmen in ihren Familien teilweise elterliche Aufgaben. Jesper Juul hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Kinder von Geburt an mit ihrer Familie kooperieren. Wenn Eltern ihre Verantwortung nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen können, versuchen Kinder, diese Lücke zu schließen. Das zu tun, ist keine bewusste Entscheidung der Kinder, sondern eine unmittelbare Reaktion auf ihre Lebenssituation.
Auch Dominik übernimmt diese Verantwortung mit großer Selbstverständlichkeit und füllt sie für sein Alter erstaunlich kompetent und mit großer Ausdauer aus. Besonders bewegen mich die Szenen, in denen Dominik mit seiner kleinen Schwester große Berliner Kreuzungen überquert. Sie lassen mir den Atem stocken: Wie furchtbar wäre es für ihn, wenn ihr etwas zustieße! Der Film zeigt keinen Jungen, der seiner kleinen Schwester gelegentlich hilft, sondern einen Achtjährigen, der für sie verantwortlich ist.
Dafür zahlen Kinder wie Dominik einen hohen Preis. Unabhängig davon, ob es für ihre Entwicklung konstruktive oder destruktive Folgen hat, tragen sie zum Familienleben bei, so gut sie es können. Ihr Überfordertsein zeigen sie meist im Kindergarten oder in der Schule. Sie können sich nicht am Unterricht beteiligen und werden von den Pädagog*innen häufig als störend erlebt. Ihre Kapazität an Anpassungsfähigkeit ist einfach erschöpft.
Auch Dominik schläft im Unterricht. Das macht deutlich, wie sehr er über seine Grenzen geht und dass er nicht mehr kann. Für Lernen ist in seinem Alltag ebenso wenig Platz wie für seine eigenen Bedürfnisse. Die Fürsorge für seine Geschwister fordert ihn vollständig. Für sich selbst bleibt, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, kaum Spielraum.
Dominik kann seine Kindheit nicht leben. In seinem unerfüllten Wunsch, einmal in den Zirkus zu gehen, bricht der tiefe Kummer und Verlust durch, den er über Jahre in sich trägt. Im zweiten Teil der Dokumentation erzählt der inzwischen erwachsene Dominik, was an seinem zehnten Geburtstag geschah. Ein Konflikt eskalierte, und er bedrohte seine Mutter mit einem Messer. Für mich ist das der verzweifelte Hilfeschrei eines zehnjährigen Kindes.
Die Maßnahmen, die das Jugendamt anschließend einleitete und konsequent verfolgte, erscheinen mir für Dominik und seine Mutter grausam. Kontaktsperre und Essensentzug für ein zehnjähriges Kind in staatlicher Obhut sind für mich erschreckend.
Der Leiter der Arche spricht aus, dass zumindest die Verbindung zum vertrauten Umfeld hätte erhalten bleiben müssen. Ich denke darüber hinaus, dass eine sinnvolle Familien- und Jugendhilfe die Eltern immer mit einbeziehen muss. Das ist mitunter eine schwierige Aufgabe, dessen bin ich mir bewusst. Dennoch muss die Betreuung und Fürsorge von Kindern und Jugendlichen höchste Priorität haben. Das ist nicht nur aus ethischen Gründen geboten. Angesichts des beklagten Fachkräftemangels erscheint es geradezu widersinnig, dass unsere Gesellschaft gleichzeitig so viele Kinder in ihrer Entwicklung sträflich vernachlässigt.
Es gibt viele Kinder, die wie Dominik in ihren eigenen Familien zu viel Verantwortung tragen und damit überlastet sind. Viel zu wenige werden mit ihrer Not wahrgenommen. Ihre Hilfeschreie werden noch immer oft als destruktives, aggressives Verhalten missverstanden. Statt Unterstützung erfahren sie Vorwürfe und Sanktionen. Jesper Juul formulierte dazu folgenden Vergleich: „Das ist so, wie wenn ein Schiff in Seenot eine Leuchtrakete abfeuert und die Wasserschutzpolizei kommt und mitteilt: Feuerwerk ist hier verboten.“

Zwei bis drei Jahre kämpft Dominik darum, wieder in sein Leben zurückzufinden. Das Jugendamt bringt ihn zunächst in einer Wohngruppe in Berlin und später in Strausberg, rund 20 Kilometer von Berlin entfernt, unter. Er wird von allem abgeschnitten, was ihm vertraut ist, und von den Menschen, die ihm Halt geben. Immer wieder läuft er aus den Einrichtungen weg, wird zurückgebracht und anschließend zur Strafe ohne Abendessen ins Bett geschickt.
Seine Mutter macht ihm in den ersten Jahren seiner Unterbringung Hoffnung, er könne nach Hause zurückkehren, wenn er sich nur genügend anstrenge und gut benehme. Auch wenn sie das Familienleben nicht bewältigen kann, wünscht sie sich ebenso wie Dominik ein gemeinsames Leben. Was Dominik jedoch nicht brauchen kann, sind Forderungen, sich weiter anzustrengen und sich anderen anzupassen. Was er braucht, ist Zeit für sich, um sich und seine Bedürfnisse zu spüren und kennenzulernen, das hat ihm in seinem Leben bisher vollständig gefehlt. Nach drei Jahren gibt Dominik diesen Wunsch auf und verbringt die Zeit bis zu seinem 18. Geburtstag in der Einrichtung.
In meiner Ausbildung bei Jesper Juul und seinen Kolleg*innen habe ich gelernt, wie wichtig es bei einer Inobhutnahme ist, auch die Eltern gut zu begleiten und zu unterstützen. Ebenso brauchen Kinder verlässliche Informationen über ihre Eltern und – soweit möglich – den Kontakt zu ihnen. Vollständig voneinander getrennt zu werden, ist für alle Beteiligten äußerst belastend. Wie dieser Kontakt gestaltet werden kann, müssen die Verantwortlichen je nach Situation entscheiden und die Betroffenen entsprechend begleiten.
Die Doku erinnert mich an den Film Systemsprenger. Die Geschichten von Benni und Dominik sind vergleichbar: Die Mütter sind überfordert, und die Kinder übernehmen auf ihre Art Verantwortung. In beiden Fällen frage ich mich, warum nicht die Mütter selbst in ihren Aufgaben intensiv unterstützt werden. Beide Kinder engagieren und überanstrengen sich für ihre Familien. Beide können in den Einrichtungen, in die man sie bringt, nicht zur Ruhe kommen, weil sie ihren Müttern nah sein wollen. Sie vermissen ihre Mütter. Was sie ebenso antreibt, ist die Verantwortung für die Geschwister.
Eine frühe, intensive Begleitung der Familie wäre mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur hilfreicher, sondern auch deutlich kostengünstiger gewesen als die acht Jahre, die Dominik in Wohngruppen verbringen musste. Dominiks Geschichte macht deutlich, worauf Jesper Juul immer wieder hingewiesen hat: Das Verhalten von Kindern ist sinnvoll. Es ist Ausdruck ihrer Lebenswirklichkeit und ihres Versuchs, mit den Bedingungen zurechtzukommen, unter denen sie leben.
Aus dieser Haltung ergibt sich für mich eine wichtige Konsequenz: Kinder, die zu viel Verantwortung tragen, brauchen Entlastung. Diese Entlastung entsteht, wenn die für sie wichtigen Erwachsenen die passende Unterstützung erhalten, um ihre Verantwortung wieder übernehmen zu können. Dann können die Kinder langsam die Verantwortung loslassen und vielleicht etwas Kindheit nachholen. Dafür braucht es Erwachsene, die hinter dem Verhalten die Not erkennen sowie den Mut und die Fähigkeit haben, das gesamte Familiensystem (und insbesondere die Erwachsenen) zu unterstützen. Darin liegt für mich die entscheidende Grundlage einer zeitgemäßen Pädagogik und Jugendhilfe.
Es gibt Filme, die noch lange nachwirken. Die beiden Dokumentationen der Regisseurin Astrid Schult gehören für mich dazu. Aktuell sind beide in der ARD-Mediathek zu sehen.
Zirkus is nich: Eine Kindheit in Armut in der ARD-Mediathek
Zirkus is nich: Dominik und die Suche nach der verlorenen Kindheit in der ARD-Mediathek

