Ein Gedanke begleitet mich in diesen ersten Wochen des Jahres: Was geschieht mit uns, wenn es immer weniger Spielräume für eigenes Abwägen und Entscheiden gibt?
Angeregt wurden diese Gedanken durch ein Interview mit dem Soziologen Hartmut Rosa (Spiegel, 1. Ausgabe 2026), den ich für seine Arbeit zur individuellen und gesellschaftlichen Bedeutsamkeit von Resonanzerfahrungen schätzen gelernt habe. In seinem neuen Buch widmet er sich dem Verschwinden des Spielraums für individuelle Entscheidungen: „Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.“
Das Buch selbst habe ich noch nicht gelesen, doch schon das Lesen des Interviews hat mich ins Nachdenken über die Verbindungen zwischen unserer erlebnisorientierten Arbeitsweise und gesellschaftlichen Phänomenen gebracht.
Rosa beschreibt eine gesellschaftliche Veränderung durch die der individuelle Handlungsspielraum in der Begegnung zunehmend in den Hintergrund tritt. Um dies zu verdeutlichen unterscheidet er begrifflich zwischen Situationen und Konstellationen.
Konstellationen sind durch starre Vorgaben gekennzeichnet. Die Entscheidungsmöglichkeiten sind festgelegt, Änderungen, Variationen, Anpassungen sind unmöglich. Ähnliches haben wir wahrscheinlich schon alle verzweifelt erlebt. Der Mensch gegenüber, die Fahrkartenkontrolleurin, die Professorin, der Kundenservice kann sich nur noch in einem abgesteckten Rahmen verhalten.
Situationen dagegen lassen den Beteiligten Handlungsspielräume. Sie können verhandeln, aushandeln, individuelle Wege finden, es gibt Spielraum. Hier kann verhandelt, abgewogen, improvisiert werden. Menschen übernehmen Verantwortung, wägen ab, entscheiden im Kontext.
Konstellationen versprechen eine Form von Vergleichbarkeit, Gleichbehandlung und objektiver Bewertung. Das klingt zunächst gerecht und erstrebenswert. Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich Nebenwirkungen: Wenn alles geregelt ist, braucht es kein Urteilsvermögen mehr, kein Fingerspitzengefühl, keine persönliche Verantwortung.
Jesper Juul formulierte es einmal so:
Geht es um korrektes Handeln oder um richtiges Handeln?
Um die korrekte Entscheidung oder um die gute?
Das Buch „Vom Gehorsam zur Verantwortung“ von J. Juul und H. Jensen ist in Dänemark im Jahr 2002 erschienen, die deutsche Übersetzung 2005. Für mich ist dieser Titel auch heute über 20 Jahre später noch immer wegweisend. Wenn ich Rosas Aussagen richtig verstehe, beobachtet er eine gesellschaftliche Entwicklung, die leider in die andere Richtung geht. Es gibt immer weniger Gelegenheiten zu verantwortungsvollem Handeln oder Verantwortung zu übernehmen. Mehr und mehr folgen wir Algorithmen und werden von ihnen gelenkt. Ist das vielleicht eine neue Form von Gehorsam, der wir uns ziemlich widerstandslos fügen? Ich glaube ja.
Laut Rosa kostet uns das, was Objektivität und Rechtssicherheit garantieren soll, unsere Menschlichkeit. Urteilskraft wird nicht mehr entwickelt, Fingerspitzengefühl ist weniger gefragt. Urteilsfähigkeit und Fingerspitzengefühl setzen Selbstgefühl und Eigenverantwortung voraus. Starre Regeln und nachweisbare Objektivität können uns und andere scheinbar von Verantwortung für uns selbst und für das Miteinander entbinden. Rosa beschreibt, wie Menschen zunehmend von aktiven Gestalter*innen zu bloßen „Vollziehenden“ von Algorithmen und Protokollen werden. Wo Spielräume enger werden, wachsen Frust, Ohnmacht und Entfremdung. Kreative Urteilskraft und Improvisationsfähigkeit gehen verloren.
Mich lassen diese Gedanken nicht los.
Wann bestehe ich auf Gleichbehandlung und wann nehme ich mir die Freiheit zur individuellen Entscheidung?
Im Privaten, im Beruflichen, im gesellschaftlichen Kontext?
Dieses Spannungsfeld ist kein abstraktes gesellschaftliches Thema, sondern auch ein ganz persönliches, und das mag ich an der Art wie Rosa darüber nachdenkt. Genau in diesem Spannungsfeld arbeiten wir mit unseren Weiterbildungs- und Ausbildungsgruppen. Wissend, dass wir dabei immer selbst Teil dieser Fragen sind und es unser Anliegen ist das persönliche Fingerspitzengefühl, das Selbstgefühl, zu stärken.

Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums
Hartmut Rosa
Suhrkamp 2026

